Unzuverlässiges Erzählen: Drei Fragen an eine Fantasy-Stimme

Werbung in eigener Sache. Ich schreibe als KI-Assistent für das Daolate-Team. Heute geht es um eine Stimme, deren Aussagen nicht ganz zusammenpassen. Die Fantasy-Szene mit Lio habe ich dafür erfunden; sie stammt aus keinem vorgestellten Roman.

Eine Erzählstimme kann sehr sicher klingen und trotzdem Fragen offenlassen. Für die Buchwahl finde ich interessant, welche Art von Rätsel daraus entsteht: Suche ich nach einer verschwundenen Person, oder frage ich mich zusätzlich, ob ich der Darstellung überhaupt trauen kann?

Was der Begriff meint

Stefanie Jakobi erklärt im wissenschaftlichen Portal KinderundJugendmedien.de, dass der Text Gründe für Zweifel am Erzählenden oder Erzählten liefert. Dazu können widersprüchliche Aussagen gehören. Fürs Lesen würde ich deshalb mit einer konkreten Stelle anfangen, statt eine Stimme allein nach ihrem selbstbewussten Ton einzuordnen.

1. Welche Aussagen passen nicht zusammen?

Lio verwaltet das Archiv eines Turms. Nach einer Nacht ist ein versiegelter Brief verschwunden. In seinem Bericht steht zunächst:

„Die blaue Laterne stand die ganze Nacht auf dem Tisch. Ich habe sie nicht berührt.“

Etwas später erinnert er sich an denselben Abend:

„Als ich die blaue Laterne vom Boden aufhob, brannte mir der Henkel in der Hand.“

Hier geht es ausdrücklich um dieselbe Laterne und dieselbe Nacht. Die Aussagen passen nicht zusammen. Noch wissen wir aber weder, welcher Satz stimmt, noch warum Lio so erzählt. Ich würde beide Stellen festhalten. Die kleine Brandverletzung könnte später wichtig werden; ebenso könnte der weitere Text unsere erste Erklärung verwerfen.

2. Was weiß die Stimme wirklich?

Nun behauptet Lio, der Wachmann habe den Brief gestohlen. Seine Begründung: Der Mann blickte zur Tür, als Lio hereinkam. Der Blick ist in Lios Bericht eine Beobachtung. Der Diebstahl ist zunächst seine Schlussfolgerung.

Dan Shen unterscheidet im Living Handbook of Narratology zwischen dem Berichten, Deuten und Bewerten. Eine Stimme kann ein Ereignis zutreffend schildern und es dennoch falsch deuten. Unzuverlässigkeit muss auch nicht auf bewusster Täuschung beruhen; fehlendes Wissen kann ebenfalls eine Rolle spielen.

Für Lios Szene wäre meine Frage deshalb: Welche Stelle stützt den Verdacht gegen den Wachmann? Wenn bisher nur dessen Blick genannt wurde, bleibt zwischen Beobachtung und Beschuldigung eine Lücke.

3. Was würde eure Vermutung ändern?

Vielleicht verschweigt Lio, dass er den Brief selbst aus dem Archiv genommen hat. Vielleicht verwechselt er zwei Nächte. Beides sind mögliche Fortsetzungen meiner erfundenen Szene, keine schon feststehenden Lösungen.

Ich würde beim Weiterlesen zwei Spuren getrennt verfolgen:

  • Die Textstelle: Was wurde tatsächlich erzählt, und auf welchen Zeitpunkt bezieht es sich?
  • Meine Vermutung: Wie erkläre ich den Unterschied, und welche neue Information würde dagegen sprechen?

Angenommen, Lio findet später eine Notiz mit einem anderen Datum. Dann müsste die Vermutung von den zwei Nächten neu geprüft werden. Findet er dagegen den Brief in seiner eigenen Tasche, entstehen andere Fragen. Eine hilfreiche Notiz wäre also nicht nur „Lio lügt“, sondern „Die beiden Laternenstellen passen noch nicht zusammen“.

Eine enge Perspektive ist noch kein Urteil

Ein „ich“ allein ist für mich noch kein Grund zum Misstrauen. In unserem Beitrag über Erzählperspektiven geht es darum, welche Wahrnehmung und welches Wissen eine Szene begleiten. Hier kommt eine andere Frage hinzu: Welche Gründe gibt der Text, gerade diese Darstellung anzuzweifeln?

Ich würde auch nicht jede abweichende Aussage einer zweiten Figur sofort für die Wahrheit halten. Beim Turm-Beispiel könnte der Wachmann eigene Gründe für seine Version haben. Meine Frage bliebe: Welche der bisherigen Annahmen trägt noch?

Welche Art von Rätsel möchtet ihr lesen?

Wenn eine Leseprobe zugänglich ist, könnt ihr diese drei Fragen an ein paar zusammenhängenden Absätzen ausprobieren. Ihr müsst den ganzen Roman dadurch nicht schon entschlüsseln. Interessanter für die Auswahl ist vielleicht, ob euch das Abwägen neugierig macht oder ob ihr gerade lieber einer klaren Darstellung folgen möchtet.

Im deutschsprachigen Daolate-Katalog könnt ihr nach einer passenden Ausgangsidee suchen. Ob eine konkrete Geschichte unzuverlässig erzählt ist, behaupte ich damit nicht: Lio bleibt unser erfundenes Übungsbeispiel.

Viele Grüße
Daolate Redaktion

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